In den USA ist Trinkgeld praktisch Pflicht. Der Grund ist simpel und ziemlich hart: Der gesetzliche Mindestlohn für Bedienungen liegt dort seit 1991 unverändert bei einem winzigen Bruchteil des normalen Mindestlohns. Ohne Trinkgeld kommt ein großer Teil der Beschäftigten schlicht nicht über die Runden. Wer dort nichts gibt, nimmt also nicht an einer Höflichkeitsregel teil, sondern am Gehalt eines anderen Menschen.
In Japan ist es umgekehrt. Trinkgeld zu geben gilt dort nicht als nett, sondern als Fettnäpfchen. Guter Service ist dort Ehrensache und Standard, keine Sonderleistung, die extra bezahlt werden muss. Wer Geld auf dem Tisch liegen lässt, erlebt mitunter, dass das Personal hinterherläuft, um es zurückzugeben.
Und in Italien steht das Thema inzwischen oft schon auf der Speisekarte: Ein Kassiergeld („coperto“) und ein Servicezuschlag („servizio“) sind dort verbreitet, beides muss ausgewiesen sein, um rechtens zu sein. Zusätzliches Trinkgeld obendrauf erwarten Einheimische trotzdem kaum, sie runden höchstens auf.
Drei Länder, drei vollkommen unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage. Das zeigt: Trinkgeld ist weltweit ein Thema, bei dem man etwas richtig und gleichzeitig alles falsch machen kann, zu wenig wirkt knausrig, zu viel verschiebt das Gefüge vor Ort und sprengt nebenbei das eigene Reisebudget. Eine Zahl, die überall passt, gibt es nicht. Was hilft, ist ein Gefühl dafür, wo man steht.
Und wie ist es in Ägypten?
Auch hier ist Trinkgeld kein Bonus für außergewöhnliche Leistung, wie man es aus Deutschland kennt, sondern ein regulärer, erwarteter Bestandteil des Einkommens in vielen Bereichen des Tourismus. Das bedeutet: Es wird in mehr Situationen erwartet, als du vielleicht gewohnt bist, aber es ist auch kein Urteil über die Qualität der Leistung. Ein kleiner Betrag, freundlich überreicht, zählt mehr als eine gequälte Rechnerei.
Wir geben hier bewusst keine Geldbeträge an. Nicht, weil wir ausweichen wollen, sondern weil feste Zahlen schnell veralten, von Situation zu Situation unterschiedlich passend sind und eine Genauigkeit vortäuschen, die dem Thema nicht gerecht wird. Stattdessen findest du unten Richtwerte als Orientierung, und weiter unten, wie viel davon wir dir bei unseren Reisen ohnehin schon abnehmen.
Euro oder ägyptisches Pfund?
Beides funktioniert, ägyptisches Pfund ist aber der einfachere Weg. Ein Blick auf beide Seiten hilft bei der Entscheidung. Pfund wird überall direkt angenommen, ohne Umweg zur Wechselstube und ohne Kursverlust für die andere Person, du musst die Scheine dafür aber selbst besorgen und unterwegs nachfüllen. Euro oder Dollar sind praktisch, wenn du sie ohnehin dabei hast, Münzen kann in Ägypten allerdings niemand eintauschen, und kleine Scheine muss die andere Person erst selbst wechseln, oft zu einem schlechteren Kurs, als du bekommen hättest.
Eine Ausnahme, die in der Praxis funktioniert: An Bord eines Nilkreuzfahrtschiffs wird das Trinkgeld für die Crew oft in einer Fremdwährung in eine gemeinsame Box gegeben, das ist eingespielt und wird vorher angekündigt.
Ein Hinweis zur Einordnung: Beträge in ägyptischem Pfund wirken wegen des Wechselkurses zunächst nach viel mehr, als sie in deiner Heimatwährung tatsächlich sind. Das ist genau die Konstellation, die Menschen unangenehm ist und es nicht sein müsste, ein Blick auf den aktuellen Kurs vor der Reise schafft schnell Klarheit.
Richtwerte statt Rechenaufgabe
Die folgende Übersicht ersetzt keine eigene Entscheidung vor Ort, sie zeigt nur, wo Trinkgeld überhaupt üblich ist, wie häufig, und mit welcher Größenordnung du grob rechnen kannst, ohne dass wir dir eine Zahl vorschreiben.
| Wem | Wann | Richtwert |
|---|---|---|
| Fahrer | Am Ende eines Tages oder der gesamten Tour | Eine spürbare, aber moderate Anerkennung, etwas mehr bei langen oder anstrengenden Strecken |
| Schiffscrew (Nilkreuzfahrt oder Dahabeya) | Meist gesammelt am Ende der Reise in einer gemeinsamen Box | Ein Betrag, der die gesamte Reise und mehrere Personen gleichzeitig berücksichtigt |
| Zimmerreinigung im Hotel | Täglich, am besten direkt im Zimmer hinterlassen | Ein kleiner Betrag pro Nacht reicht, nicht erst am Ende sammeln |
| Gepäckträger | Pro tatsächlich getragenem Gepäckstück | Ein kleiner, überschaubarer Betrag |
| Restaurant | Mit der Rechnung, falls Service nicht schon enthalten ist | Ein moderater Aufschlag, ähnlich wie in vielen anderen Ländern üblich |
| Taxi | Beim Bezahlen | Aufrunden statt genau abzählen, Preis vorher aushandeln |
| Toilettenaufsicht | Beim Betreten oder Verlassen | Kleine Münzen genügen |
| Reiseleitung | Am Ende einer gemeinsamen Tour oder Reise, von der Gruppe gemeinsam getragen | Eine spürbare Anerkennung für die ganze Zeit, nicht pro einzelner Station |
Gerade bei den einfachsten Handreichungen, etwa bei der Toilettenaufsicht oder beim Gepäckträger, freut schon ein kleiner Betrag. Wer dort etwas mehr gibt, macht damit oft den ganzen Tag der betreffenden Person schöner, nicht nur den Moment.
Das eigentliche Problem: kleine Scheine
Ägypten läuft auf Bargeld in kleinen Stückelungen, und Geldautomaten spucken meist große Scheine aus. Du bekommst selten das, was du für Trinkgeld eigentlich brauchst.
- Scheine früh und absichtlich wechseln, im Supermarkt, an der Hotelbar, am ersten Tag.
- Trinkgeld in einer anderen Tasche als die Brieftasche aufbewahren. Dann zählst du nicht vor den Leuten ein ganzes Bündel durch.
- Auch deine Reiseleitung weiß meist, wo sich kleine Scheine unkompliziert besorgen lassen, zum Beispiel bei welcher Bank oder an welchem Schalter. Ein kurzes Wort am ersten Tag genügt.
Bakschisch ist nicht dasselbe wie Trinkgeld
Das Wort deckt mehrere Dinge ab, und sie auseinanderzuhalten hilft. Es gibt das Trinkgeld für eine Leistung, das funktioniert wie erwartet. Und es gibt die kleine Zahlung für einen kleinen Gefallen, jemand holt einen Stuhl, hält eine Tür auf, zeigt die richtige Schlange.
Der Nebeneffekt: Manchmal wird dir ein Gefallen getan, um den du nicht gebeten hast. Jemand zeigt auf ein Detail im Tempel, das du auch selbst gesehen hättest. Das ist kein Betrug, sondern ein Angebot. Eine kleine Münze erledigt es, ein freundliches Nein ebenso.
Wann du nicht zahlen musst
- Für eine Führung, um die du nicht gebeten hast. Ein freundliches Nein reicht.
- An Absperrungen. Was abgesperrt ist, bleibt abgesperrt. Daran halten wir uns, und das Foto ist es nicht wert.
- Für etwas, das im Preis enthalten ist. Bei uns sind Eintritte, Reiseleitung und Transfers bezahlt, dort wird vor Ort nichts nachgefordert.
So entlasten wir dich dabei
Genau weil das Thema weltweit schwierig ist und man selten weiß, ob man gerade zu wenig, zu viel oder genau richtig liegt, planen wir bei Orientoura einen großen Teil davon für dich schon mit ein. Bei unseren Reisen sind Eintritte, Reiseleitung und Transfers bereits enthalten, etwa bei der Dahabeya-Nilkreuzfahrt, der Nilkreuzfahrt oder dem Nachmittag bei einer Bauernfamilie, vor Ort kommt dort nichts mehr nach. Das Crew-Trinkgeld läuft über die gemeinsame Box, die wir dir vorher erklären, nicht über eigenes Rechnen und Verteilen.
Was am Ende übrig bleibt, ist überschaubar: ein paar kleine, spontane Momente im Alltag der Reise, bei denen du selbst entscheidest. Genau dafür reicht ein kleiner Vorrat an Scheinen in der Tasche, mehr Aufwand ist es nicht.
Wie viel davon überhaupt anfällt, hängt daran, wer alles dabei ist: Auf der Dahabeya über acht Tage sind es Crew und Reiseleitung gemeinsam, beim Quad-Nachmittag nur die Reiseleitung.
Zwei Dinge, die damit zusammenhängen: Wie du überhaupt an kleine Scheine kommst, steht in Geld in Ägypten. Und was du für die Einreise brauchst, in Visum, Reisepass und Gesundheit.
Read this in English: How much to tip in Egypt
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