Wenn ich in Luxor durch den Gewürzmarkt gehe, riecht es an bestimmten Ständen immer gleich. Erdig, warm, ein bisschen nussig. Das ist Kreuzkümmel. Dieser Geruch war in Ägypten schon vor mehr als dreitausend Jahren vertraut, und zwar nicht nur in den Küchen der Lebenden, sondern auch in den Grabbeigaben der Toten.
Kreuzkümmel im alten Ägypten ist kein romantischer Marketing-Satz. Es gibt echte Funde, Texte und Untersuchungen. Ich gehe die drei Belege durch, die mir als Ägyptologe am wichtigsten sind. Am Ende erkläre ich, wo Sie das Gewürz heute am besten selbst probieren können.
Das Grab des Kha, der älteste Beweis
Am 15. Februar 1906 öffnete der italienische Archäologe Ernesto Schiaparelli in Deir el-Medina, gegenüber von Luxor, ein Grab, das nie geplündert worden war. Ein Steinschlag hatte den Eingang in antiker Zeit versiegelt. Darin lag das Ehepaar Kha und Merit, bestattet um 1400 v. Chr.
Was Schiaparelli dort fand, war keine Königsgrabstätte. Kha war Vorarbeiter der königlichen Gräberbauer, ein wohlhabender Handwerker, kein Pharao. Gerade deshalb ist das Grab so wertvoll: es zeigt, was ein mittelklasse-ägyptischer Haushalt im Neuen Reich für die Ewigkeit einpackte.
Neben Möbeln, Stoffen und über vierhundert weiteren Objekten lagen Körbe mit Vorräten. In einem dieser Körbe: Kreuzkümmelsamen. Auf Altägyptisch hieß das Gewürz tepnen. Die Samen haben dreieinhalb Jahrtausende überdauert und liegen heute im Museo Egizio in Turin.
Wenn Sie also das nächste Mal Kreuzkümmel in Ihrer Küche aufschrauben: es ist dasselbe Gewürz, das Kha seiner Frau mit auf ihre ewige Reise gab.
Papyrus Ebers: Kreuzkümmel als Medizin
Der Papyrus Ebers ist das umfangreichste medizinische Dokument aus dem alten Ägypten. Datiert um 1550 v. Chr., Länge rund zwanzig Meter, über 842 Rezepte und Heilformeln. Kreuzkümmel taucht in mehreren dieser Rezepte auf: gegen Verdauungsbeschwerden, gegen Blähungen, als Bestandteil von Salben.
Das ist nicht so exotisch, wie es klingt. Fragen Sie heute eine ägyptische Großmutter, was sie bei Bauchweh empfiehlt, und Sie bekommen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Tasse Kreuzkümmel-Sud. Die medizinische Verwendung hat sich in viertausend Jahren kaum verschoben.
Interessant ist auch, was das über den Handel sagt. Kreuzkümmel stammt ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum und Südwestasien. Dass er in ägyptischen Texten und Gräbern des zweiten Jahrtausends v. Chr. vorkommt, zeigt: die alten Ägypter waren keine Küchen-Autarkisten. Sie handelten: mit Gewürzen, mit Kräutern, mit Wissen.
Auch im Grab des Tutanchamun
Archäobotanische Untersuchungen der Funde aus dem Grab des Tutanchamun (entdeckt 1922 durch Howard Carter) haben bislang 24 Pflanzenarten identifiziert: Koriander, schwarzer Kümmel, Ackerbohne, Zwiebel, ägyptischer Luffa. Die Samen lagen in kleinen Tonkrügen, teils einzeln, teils in Mischungen.
Ich bin oft im Tal der Könige, und ich erzähle meinen Gästen gern diese Geschichte, während wir vor dem Eingang von KV62 stehen: dass Tutanchamuns Vorrat an Gewürzen heute in Kairo im Ägyptischen Museum liegt, und dass dieselben Gewürze (Koriander, Kreuzkümmel) hundert Meter weiter auf dem Markt in Luxor verkauft werden. Die Entfernung zwischen alter und heutiger Küche ist kürzer, als die meisten denken.
Wie Kreuzkümmel heute verwendet wird
In der modernen ägyptischen Küche ist Kreuzkümmel praktisch überall. Er gehört in Ful Medames (das Bohnenfrühstück), in Koshary (den Nationaleintopf aus Reis, Linsen und Nudeln), in Hawawshi (das gefüllte Fladenbrot) und in fast jede Gewürzmischung, die in einem ägyptischen Haushalt im Schrank steht.
Wichtig dabei: Ägyptischer Kreuzkümmel wird meist frisch geröstet, bevor er gemörsert wird. Das verändert den Geschmack erheblich. Er wird süßer, runder, weniger scharf. Wer Kreuzkümmel nur als vorgemahlenes Pulver aus dem deutschen Supermarkt kennt, hat nicht wirklich verstanden, wie das Gewürz in Ägypten schmeckt.
Im Sinai, bei den Beduinen, trinkt man oft Tee mit ein paar gerösteten Samen am Boden der Kanne. In Oberägypten, wo ich aufgewachsen bin, werden Lammgerichte vor dem Braten mit Kreuzkümmel, Koriander und Knoblauch eingerieben. Jede Region hat ihre eigene Handschrift.
Wenn Sie ägyptische Gewürze selbst erleben wollen
Wir in Orientoura führen unsere Gäste über die Märkte in Luxor und Aswan. Nicht als Shopping-Tour, sondern als Teil unseres Verständnisses der Kultur: was die Menschen hier essen, kochen, auf den Tisch stellen. Der Kreuzkümmel-Stand ist eine der besten Stellen, um über die Kontinuität ägyptischer Lebensart zu reden, weil sie konkret ist, riechbar, greifbar.
Besonders eindrücklich ist das auf unseren langsamen Reisen, die Zeit für solche Nebenszenen lassen. Auf der Dahabeya-Nilkreuzfahrt essen wir, was der Koch an Bord frisch aus dem Dorfmarkt gekauft hat. Auf der entschleunigten Ägypten-Reise gehört der Markttag zum festen Programm. Auf unseren Familienreisen im Bauernhof-Erlebnis bei Luxor probieren Kinder Kreuzkümmel oft zum ersten Mal und finden ihn, zu meinem Vergnügen, meistens gut.
Über den Autor: Dr. Sherif Azab-Els ist in Ägypten aufgewachsen, lebt in Deutschland, studierter Ägyptologe und Gründer von Orientoura. Er begleitet eine Auswahl der Reisen persönlich.

